Psychosoziales Zentrum für Migranten in Greifswald
Was verbindet Greifswald mit Palästina? Wenn Israel die Grenze zum Gazastreifen dicht macht, geraten einige Greifswalder Studenten in Geldnot. Der Grund: Sie sind Palästinenser, die nun von zu Hause kein Geld mehr bekommen. Als Holger Kummerow das neulich im Sozialausschuss berichtete, reichten die Mitglieder des städtischen Gremiums kurz entschlossen einen Hut herum. Nicht immer funktioniert Hilfe so unbürokratisch, erzählt der Geschäftsführer des „Psychosozialen Zentrums für Migranten in Vorpommern“, der auch als Ausländerbeauftragter der Universitäts- und Hansestadt Greifswald fungiert.
Mit diesem Titel ist er übrigens gar nicht einverstanden: „Besser wäre „Beauftragter für Migranten“. Die größte Gruppe unserer Klienten sind mittlerweile die so genannten Spätaussiedler aus Russland. Sie haben in aller Regel einen deutschen Pass, sind also gar keine Ausländer mehr. Das gleiche gilt für im Ausland aufgewachsene Männer und Frauen, die schon lange mit Deutschen verheiratet sind.“ Dazu kommen Flüchtlinge, die in der Bundesrepublik einen Asylantrag gestellt haben, Menschen, die auf Dauer oder auch nur vorübergehend hier arbeiten, zum Beispiel an der Uni, und eben Studierende. Für alle diese Gruppen ist das PSZ in der Domstraße seit 1991 die erste Anlaufstation bei den vielfältigen Schwierigkeiten, die sich in ungewohnter Umgebung stellen: Unzureichende Sprachkenntnisse, Anerkennung von Schul- und Berufsabschlüssen, rechtliche Unsicherheit.
Wenn auch das PSZ mit seinem Geschäftsführer seit nunmehr 17 Jahren fester Bestandteil des städtischen Sozialsystems ist: Die Finanzierung der Einrichtung erfolgt fast ausschließlich über Projektmittel, die Jahr für Jahr neu beantragt werden müssen. Regelmäßige Geldgeber sind außer der Stadt Greifswald die Pommersche Evangelische Kirche, die Aktion Mensch, UNO-Flüchtlingshilfe, weitere Finanzspritzen kommen vom Land, vom Bund und von der EU. Zurzeit arbeiten hier außer Holger Kummerow selbst drei Frauen und drei Männer, in Nationalität und Ausbildung fast ebenso bunt gemischt wie ihre Klienten.
Die alltägliche Arbeit ist in drei großen und einem kleinen Projekt organisiert: Ein ganz großer Bereich ist seit der Gründung des PSZ die Flüchtlingshilfe. Eine Psychologin und mehrere Sozialarbeiter stehen rund 450 Personen zur Seite, begleiten sie zu Behörden, helfen im Alltag, vermitteln ärztliche und psychologische Hilfe. Die Klienten kommen vor allem aus dem Irak, Armenien, Bosnien und dem Kosovo. „Rund ein Drittel der Flüchtlinge ist traumatisiert. Das liegt an den entsetzlichen Erlebnissen während der Flucht“, erzählt Holger Kummerow.
Im „Integrationsfachdienst Migration in der Mecklenburgischen Seenplatte und Vorpommern“ kooperiert das PSZ gemeinsam mit „Genres“ in Neubrandenburg und vermittelt Sprachkurse, Weiterbildungsangebote und Praktikumsplätze – alles mit dem Ziel, dass die Migranten eines Tages wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen. Hilfe zur Selbsthilfe ist auch der Ansatz des Projekts „Migranten helfen Migranten“, bei dem beruflich und sozial gut integrierte Personen ihre Erfahrungen an jüngere Neuankömmlinge weitergeben. Das vierte Projekt richtet sich an Frauen, denen es ihre Religion und Kultur häufig nicht erlaubt, an Veranstaltungen mit Männern teilzunehmen. In einem intensiven Kurs „Deutsch für den Beruf“ verbessern sie ihre Sprachkenntnisse, wöchentliche Treffen im „Internationalen Frauencafé“ dienen dem Erfahrungsaustausch, außerdem werden soft skills wie Teamfähigkeit und soziale Kompetenzen eingeübt.
Und wie steht es um das Klima zwischen Alteingesessenen und Migranten in Greifswald? Überfälle auf Ausländer gab es zum Glück schon länger nicht mehr. Sorgen bereitet Holger Kummerow der versteckte Rassismus, der unter ganz jungen Greifswaldern verbreitet ist, wie er bei vielen Besuchen in Schulen feststellen musste. „Die haben Angst vor der Arbeitslosigkeit und behaupten, das liege an den angeblich 40% Ausländern in unserer Stadt. Tatsächlich sind es in Mecklenburg-Vorpommern 2,1 %, die meisten Jugendlichen hier haben hier noch nie mit einem Afrikaner gesprochen.“
Und wie geht es weiter mit dem PSZ? Holger Kummerow ist Optimist; gerade kam Post von der UNO-Flüchtlingshilfe, die eine größere Überweisung ankündigt: „Damit ist die Finanzierung unserer Arbeit gesichert, jedenfalls bis zum 31. Dezember 2008. Aber der Nachfolgeantrag ist schon gestellt!“
Kontakt
Psychosoziales Zentrum für Migranten in Vorpommern e.V
Ausländerbeauftragter der Universitäts- und Hansestadt Greifswald
Domstraße 36
17489 Greifswald
Telefon 799 274
Sprechzeiten: Dienstag, Donnerstag 10 bis 12 Uhr und nach Vereinbarung
www.pszev.de
info@pszev.de
Text und Fotos: Marike Werner/Psychosoziales Zentrum für Migranten in Vorpommern e.V
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09.05.2012
Hochschulinformationstage 2012 an Universität Greifswald
(Greifswald) Bereits zum 19. Mal veranstaltet die Universität Greifswald die Hochschulinformationstage für angehende Studenten. Warum haben ausgerechnet Übersetzer viele falsche Freunde? Warum ist es für Mediziner lohnenswert, die ganze Bevölkerung eines Landstrichs als Patient zu betrachten? Antworten auf diese und viele weitere Fragen gibt es während der Hochschulinformationstage vom 10. bis zum 12. Mai 2012 an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Für Studieninteressierte und ihre Eltern werden die Hörsaaltüren weit geöffnet, um einen Einblicke in Forschung und Lehre zu gewähren.
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