Das Greifswalder Trauzimmer
Rund 220 Paare gaben sich im vergangenen Jahr im festlichen Trausaal des Greifswalder Rathauses das Ja-Wort. Einige tausend dürften es in den vergangenen sieben Jahrzehnten gewesen sein. Denn genau so lange steht dem Standesamt die ehemalige kleine Ratsstube nach ihrer Restaurierung für Eheschließungen in einem würdigen und schönen Rahmen zur Verfügung. Sein heutiges Aussehen erhielt der Trausaal im Rahmen des Wiederaufbaus des Rathauses nach dem großen Stadtbrand vom 26. Juli 1736, der 28 Häuser vernichtete und 32 schwer beschädigte. Der westliche Glockenturm und das Obergeschoss des Rathauses wurden völlig zerstört und das Untergeschoss schwer in Mitleidenschaft gezogen. 1738 war die äußerliche Fassade des Rathauses zwar wiederhergestellt, doch es sollte noch einige Zeit dauern, bis die Ausgestaltung der Ratsstube in Auftrag gegeben werden konnte.
Mehrfach wurden Sammlungen veranstaltet, um den Wiederaufbau finanzieren zu können. Unter anderem füllten die Stadtväter die knappen Kassen auch durch den Verkauf der an Nordseite des Rathauses gelegenen Stadtbuden an Greifswalder Kaufleute. Erst 1748 konnte die Fertigstellung in Angriff genommen werden. Zunächst gestaltete der Gipser und Stukkateur Baltzer Braun die Decke des Raumes. Erst nach langwierigen Verhandlungen über die Auftragssumme von 70 Talern erhielt der Greifswalder den Auftrag. Anschließend erhielt der Raum Holzpaneele bis in Höhe der Fenster und einen von dem Greifswalder Töpfermeister Bielow gefertigten Kachelofen, der in der Zeit um 1900 abgebrochen wurde.
Die Wandbespannung des heutigen Eheschließungszimmers wurde von dem Maler Johann Albrecht Holtzeland in sogenannter Grisailer-Malerei ausgeführt. Mit solchen professionell gestalteten Tapeten wurden seit dem 17. Jahrhundert bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts viele festliche Räume ausgestattet. Thematisch geht dieses Werk auf Schriften des Chronisten Johann Ludwig Gottfried (wohl 1584–1633) zurück, der bis ins 18. Jahrhundert viel gelesene Schriften zur Herrschergeschichte und Staatenkunde aus dem Lateinischen übersetzte und verfasste. Ob die Paare und ihre Gäste die aufwändige Malerei an den Wänden in dem aufregenden Moment der Eheschließung richtig wahrnehmen, ist fraglich.
Die Greifswalder Bürgermeister und Ratsherren jedoch sollten die Bilder der Ratsstube einst mahnen, weise, gerecht und tapfer ihrer Stadt zu dienen. Szenen aus der altjüdischen und altrömischen Geschichte zieren die im spätbarocken Stil gestaltete Wandbespannung. Durch die auf das jeweils über die ganze Wand reichende Leinen aufgemalten Rahmen entstehen jedoch einzelne Bilder mit historischen und zum Teil sagenhaften Vorbildern an allen vier Wänden der Ratsstube.
Auf dem Wandbild links neben der Eingangstür biblische Szenen: Joseph, Sohn des jüdischen Patriarchen Jakob und wegen seiner Voraussicht in Ägypten zu Ansehen gelangt, lässt die Getreidespeicher für die von ihm vorausgesagten sieben mageren Jahre bauen. Über der Eingangstür mahnt die Darstellung des „Salomonischen Urteils“ nach dem alttestamentarischen „König Salomo“ (993–943 v. Chr.), welcher durch seine Weisheit berühmt war, Urteile zu fällen, die beiden Parteien gerecht werden sollten. Weitere Bilder zeigen den griechischen Historiker, Geograf und Völkerkundler Herodot (484–425 v. Chr.), der die Krone der Wissenschaft erhält und den sagenhaften letzten König von Athen Kodros (um 1086 v. Chr.), der sich als Bauer verkleidet in die Hände des Feindes begab und töten ließ, damit sich das Siegesorakel der Athener erfülle.
Holtzeland musste übrigens seinerzeit Bürger der Stadt werden, um den Auftrag zu erhalten. Nach zähen Verhandlungen und unter der Bedingung, sich nicht längere Zeit häuslich niederlassen zu müssen, willigte dieser schließlich ein und erhielt im August 1749 den Auftrag zur malerischen Ausgestaltung der Ratsstube – ein Auftrag, den er wohl gemeinsam mit seinem Bruder ausgeführt hat. Kein Greifswalder Produkt ist übrigens der prachtvolle Kronleuchter, der dem Standesamt 1954 für den Trausaal überlassen wurde. Er stammt aus dem Putbuser Schloss (Rügen), das Anfang der 1960er Jahre gesprengt und abgerissen wurde.
Text und Foto: Sabrina Wittkopf-Schade
(aus Greifswald KOMPAKT, Ausgabe 2/2006)
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