Die Athena in Greifswald

Meine vorletzte Begegnung mit der Greifswalder Athena-Statue hatte unter widrigen Umständen stattgefunden. Die Skulptur stand im Greifswalder Universitätshauptgebäude in einem dunklen Flur, nicht gerade in strahlender Schönheit, eher traurig und gezeichnet durch entbehrungsreiche, herbe Notzeiten. Man schrieb das politische Wendejahr 1989/90. Heute, im Mai 2006 empfängt die Athena im hellen, hehren Gewand ihres Peplos die Besucher, die das Hauptgebäude durch die hohe Mitteltür mit der Aufschrift „Aula“ betreten.

Wie aber und wann ist die Athena überhaupt hierher gekommen, wer hat sie als Kopie einer Replik geschaffen, wer nach Greifswald gebracht? Fragen, die im Gedränge festlich gekleideter Gäste der Uni im April 2006 anlässlich der Einweihung des neu gestalteten Rubenowplatzes und seines restaurierten Rubenow-Denkmals im 550. Gründungsjahr der Universität nicht ermittelt werden konnten.

Athena-Statue im Universitätshauptgebäude in Greifswald (Foto: Barbara Peters/Universitätsarchiv)Zum Standbild der Athena
Greifswalder Athena? Richtiger wäre es, von einem Abguss der Frankfurter Athena zu sprechen, die im marmornen Original im Liebieghaus (Museum alter Plastik) am Mainufer steht. Eine vom Liebieghaus 1983 herausgegebene Monographie vermittelt über die Statue wertvolle Informationen: Danach sind die in der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. in Bronze gegossenen Skulpturen der griechischen Klassik nahezu ausnahmslos im Laufe der Jahrtausende verloren gegangen. Wir wissen heute um diese antiken Meisterwerke in der Hauptsache dank der Fülle marmorner Repliken aus der römischen Kaiserzeit (ca. 100 n. Chr.). Auch sie sind großenteils verschollen, konnten aber in vielen Fällen durch Ausgrabungen geborgen werden. So wurde „unsere“ römische Statue der Athena 1884 in einem ehemals von Lukull angelegten Garten in Rom gefunden und ausgegraben; 1909 konnte sie dann von Frankfurter Bürgern für das Liebieghaus erworben werden. Der ehemalige Frankfurter Städeldirektor Georg Swarzenski bezeichnete sie als „schönste Antike“, die er je gesehen habe.

Kunsthistorische Forschungen haben als Urheber der Statue den griechischen Bildhauer und Erzgießer Myron (Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr.) ermitteln können. Als Stadtgöttin von Athen war der ursprüngliche Standort der Original-Bronze-Statue (als integrierender Teil der sog. Athena-Marsyasgruppe) die Akropolis.

Athena zwischen Plastik und Tragödiendichtung - zwischen Mutter- und Vaterrecht
Neben den archäologischen Befunden haben inzwischen auch andere, darunter juristische Zusammenhänge das Bild der Göttin Athena gerundet. Sie war von Geburt olympischer Herkunft. Mutterlos war sie dem Haupte des Zeus entsprungen und damit vaterrechtlich vorgeprägt. Dabei entfaltete sie sich, nicht nur der Weisheit und den Wissenschaften zugetan, sondern mit Helm und Speer versehen, auch allem Heldischen zugewandt, zur strahlenden apollinischen Lichtgestalt.

Groß war der Einfluss der Göttin Athena in der griechischen Mythologie. So hatte sie beispielsweise nach den mythologischen Vorstellungen der Griechen in Athen auf dem Berge Ares den Areopag, das erste Athener Schwurgericht, gegründet, dem sie die Strafsache Orest zur Entscheidung vorgelegt hat. Orest hat seine im Ehebruch mit Aigisthos lebende Mutter Klytaimnestra getötet, nachdem diese ihrerseits ihren Ehemann sowie Vater von Orest, Agamemnon, ermordet hatte. Klytaimnestra hatte diese Mordtat mutterrechtlich mit dem Hinweis darauf gerechtfertigt, dass ihr Ehemann die gemeinsame Tochter Iphigenie zu opfern bereit gewesen war und damit gegen die mütterlichen Blutsbande gefrevelt habe. Die Göttin Artemis hatte dieses Opfer gefordert, und zwar als Bedingung dafür, dass sie der griechischen Flotte gute Fahrtwinde nach Troja vermitteln werde. Orest glaubte, auf Weisung Apollons das Blut seines Vaters durch Muttermord sühnen zu müssen.

Diese Reihung blutiger Handlungsabläufe mit ihren jeweiligen Rechtfertigungen sind „mythische Verdichtungen essentieller Morde“, die die aischyleische Orestie zu einer die Sinne so aufwühlenden Auseinandersetzung zwischen Mutter- und Vaterrecht gestaltete. Die oresteischen Schwurgerichtsszenen ließen für die Griechen die Ablösung des Mutterrechts durch das Vaterrecht zu einem hochdramatisch-juristischen Theatererlebnis werden. Athena selbst hat zu dem Spruch des Gerichts über Orest beigetragen, indem sie ihren Stimmstein zu Gunsten von Orest in die Urne geworfen und damit eine unentschiedene Gesamtstimmabgabe bewirkt hatte. Sie verkündete sodann das Urteil: Zwar keinen Freispruch, wohl aber die strafrechtliche Außerverfolgungssetzung Orests! Sie hat damit dem Prozess die entscheidende vaterrechtliche Wendung gegeben. Die Erynien, die Beschützer des Muttertums, wurden von dunklen Ahnungen gequält: „O, Mutter, siehst du, was geschieht?“ (Aischylos, Orestie).

Die von Aischylos (525-456 v. Chr.) dichterisch und von Myron (Mitte des 5. Jh. v. Chr.) bildhauerisch verherrlichte Athena hat dieses erhabene Bild einer Göttin für Jahrtausende geprägt. Die zeitlich so eng beieinander liegenden Entstehungsdaten von Statue (Mitte des 5. Jh. v. Chr.) und Tragödiendichtung (Orestie; Erstaufführung 458 v. Chr.) legen gegenseitig verschmelzende und ergänzende Wechselbeziehungen besonders nahe.

Text: Adrian Bueckling, Foto: Barbara Peters/Universitätsarchiv
(aus Greifswald KOMPAKT, Ausgabe 2/2006)


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