Kanadier ist 1. Turmschreiber Greifswalds

Das Turmzimmer bietet einen fantastischen Blick auf Greifswald – hier auf den Dom St. Nikolai (Foto: Sabrina Wittkopf-Schade)Drei Monate lang stieg der kanadische Autor Warren Cariou in Greifswald jeden Morgen die 92 Stufen des Treppentürmchens des Internationalen Begegnungszentrums „Felix Hausdorff“ hinauf, um mehrere Stunden an seinem neuen Werk, einem Roman zu arbeiten. Der ansonsten in Kanada an der Universität von Manitoba als Professor lehrende Autor weilte gemeinsam mit seiner Frau ein Sommersemester als Gaststipendiat am Institut für Anglistik/Amerikanistik der Greifswalder Universität. Der Kanadier Warren Cariou wuchs auf einer Farm auf, arbeitete als Bauarbeiter, Dokumentationsentwickler und politischer Berater. Als Doktor der Philosophie in der Englischen Sprache lehrt er heute über die Literatur der kanadischen Ureinwohner an der Universität von Manitoba.

In seinem Heimatland ist der selbst aus einer Métis-Familie stammende Autor, auch unter den Mitgliedern indigener Völker Kanadas höchst anerkannt. Seine Kurzgeschichten, wie die beiden Novellen „The Shrine of Badger King“ und „Lazarus“ (1999) erschienen in zahlreichen literarischen Sammelbänden. Im Jahre 2002 erschien sein preisgekröntes Werk „Lake of Prairies“. Im Denkerstübchen des Begegnungszentrums arbeitete er von Mai bis Juli an seinem dritten Buch, einem Roman.

Prof. Dr. Hartmut Lutz, Geschäftsführender Direktor des Institut, hofft, mit der Turmschreiber-Idee, die im Rahmen des Programms „Greifswald Canadian Studies Fellow in Residence“ verwirklicht werden konnte, am Anfang einer neuen Tradition zu stehen. Das Programm und der Aufenthalt der Stipendiaten werden zu gleichen Teilen aus Mitteln der Universität Greifswald und einem Förderprogramm der kanadischen Regierung gefördert. Seit sieben Jahren erhält das Institut auf diese Weise für drei Monate Besuch aus Kanada. Im Laufe der Jahre konnten so herausragende Wissenschaftler sowie renommierte indianische Maler und Kunstprofessoren in Greifswald willkommen geheißen werden.

Durch die zahlreichen Kontakte des Greifswalder Lehrstuhls für Amerikanistik/Kanadistik zu indianischen Kolleginen und Kollegen ist das Gastprogramm so bekannt, dass das Institut zahlreiche Anfragen aus Kanada erreicht. Zumindest für das kommende Jahr ist die Fortsetzung der Tradition gesichert: dann wird die Professorin Janice Kulyk Keefer, eine der prominentesten und international gefeierten Schriftstellerinnen und Literaturkritikerinnen Kanadas als 2. Greifswalder Turmschreiberin täglich die 92 Stufen bis zum Denkerstübchen hinauf steigen.

Kurz nachgefragt: Interview mit Warren Cariou

Mister Cariou, haben Sie während Ihres Greifswald-Aufenthaltes Inspiration für Ihre Arbeit gefunden?
Das Denkerstübchen im Turm ist ein perfekter Ort zum Arbeiten. Man hat einen rundherum fantastischen Blick. Da man nicht durch Telefon und Fax gestört wird, kann man sich ganz auf das Schreiben konzentrieren. Während der Sommerhitze arbeitet es sich hier allerdings in den Morgenstunden am besten.

Haben Sie jemals an solch einem außergewöhnlichen Ort geschrieben?
Zwar habe ich schon in der Natur Kanadas gearbeitet, aber dieser Ort hier mit einer Kombination aus Stadt, Natur und Ruhe ist einzigartig.

Woran haben Sie im Denkerstübchen gearbeitet?
An einem Roman über die kanadische Erdölindustrie nach dem Irak-Krieg, Umweltfragen und die Landrechte der Ureinwohner in Alberta.

Welche Eindrücke werden Sie aus Greifswald mit nach Kanada nehmen?
Für mich und meine Frau war es der erste Besuch in Deutschland, den wir sehr positiv in Erinnerung behalten werden. Wir wurden an der Universität sehr gastfreundlich aufgenommen und werden unseren kanadischen Freunden viel zu berichten haben.

Text und Foto: Sabrina Wittkopf-Schade
(aus Greifswald KOMPAKT, Ausgabe 8/2005)


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