Hausmarken in der Marienkirche in Greifswald

Was für eine dreischiffige Backsteinhalle türmt sich da hinter dem Greifswalder Marktplatz auf, ein Gotteshaus, wie für die Ewigkeit geschaffen: Die Marienkirche in Greifswald, die „Dicke Marie“. Im Kircheninnern stecken noch Kanonenkugeln im Mauerwerk, die die Gedanken zuweilen an Predigt und Liturgie vorbei wandern ließen. Die Mitte der großräumigen Hallenkirche wird beherrscht durch mächtige, hohe Pfeiler, die den Blick des Besuchers nach „oben“ lenken; so anschaulich-einprägsam hatte vor ca. 55 Jahren „unser“ Pfarrer Prost diese Architektur seinen Konfirmanden nahegebracht. Die Pfeiler flankieren den Mittelgang zum Altar, zum Altarbild der „Heiligen Nacht“, eins der berühmten Staffeleibilder des italienischen Malers Antonio Allegri Corregio (1494-1534). Doch es ist in Wirklichkeit nur eine, allerdings meisterhaft gelungene Kopie, gefertigt 1807 von dem Maler Friedrich August von Klinkowström (1770-1835) aus Ludwigsburg am Greifswalder Bodden, der besonders mit Philipp Otto Runge aus Wolgast befreundet gewesen war.

Die beiden Seitenschiffe der Hallenkirche sind unübersehbar mit Grabplatten regelrecht gepflastert, 300 an der Zahl sollen es nach Dehios Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler sein; davon sind, was vermutlich nur wenige beobachtet haben, in 69 dieser Grabplatten sogenannte Haus- und Hofmarken eingemeißelt oder eingeritzt.

Seitdem der aus Wolgast stammende, spätere Berliner Rechtsprofessor Karl Gustav Homeyer (1795-1874) im Jahre 1870 sein berühmtes, heute zwar mancherorts in Vergessenheit geratenes, aber in Fachkreisen nach wie vor als grundlegend angesehenes Werk über „Die Haus- und Hofmarken“ veröffentlicht hat, weiß man, dass solche Zeichen vor allem in nördlichen Breiten anzutreffen sind, u.a. von Friesland über die vorpommerschen Inseln bis zum Oderbruch, Baltikum und Schweden. Homeyer hatte für seine Forschungen zweitweise über 150 Mitarbeiter gewonnen, die für ihn - übrigens auch in Großbritannien und in der Schweiz - nach der Verwendung solcher Marken mit großem Erfolg gefahndet hatten. Auf 44 Tafeln seines 1870 in erster und 1890 in zweiter Auflage erschienenen, über 400 Seiten starken Buches hat er die ermittelten Marken und Zeichen akribisch zusammengestellt. Dabei hat er ihren Ursprung, ihr Zustandekommen, ihre Abwandlungen, ihre soziale, ethische und juristische Bedeutung erforscht und beschrieben. Hausmarken waren nicht nur familiäre Urzeichen oder Statuszeichen, Grenz- und Eigentumszeichen, Vermögens- und Urheberzeichen, letztlich fand man sie auch auf Grabdenkmälern, u.a. in den drei Greifswalder Kirchen (St. Jakobi, St. Nikolai und St. Marien), dabei in der Marienkirche in großer Zahl.

Die große Mannigfaltigkeit jener Marken erklärt sich daraus, dass die familiären Hausmarken auch in der Erbfolge in ihren Grundformen beibehalten werden; jedoch werden sie für jeden neuen Stamm mit sogenannten Beizeichen ergänzt ( z.B. durch Sparren/Striche/Sprossen/Zacken/Fußabstreben/Dreiecke/Romben/Kreuze etc.). Homeyer stellt in diesen Zusammenhängen u.a. fest, dass sich z.B. auf der Insel Hiddensee die - dort noch heute besonders gepflegten - Haus- und Hofmarken nach denselben Prinzipien abgewandelt und fortentwickelt haben wie im Bernischen Jura.
Es sind alles in allem Ergebnisse, die mit großer Gelehrsamkeit,Belesenheit, Darstellungskraft und Klarheit von einem begnadeten Forscher offengelegt wurden, der neben seinen wissenschaftlichen Arbeiten, zu denen u.a. auch die Herausgabe des Rechtsbuches des Sachsenspiegels gehörte, zudem als Richter am Berliner Obertribunal tätig und Mitglied des Königlichen Staatsrats sowie Kronsyndikus des späteren Herrenhauses gewesen war.

Text: Adrian Bueckling
(aus Greifswald KOMPAKT, Ausgabe 11/2005)


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